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Geflüchtete aus der Ukraine in Walkringen

«An manchen Tagen schwindet die Hoffnung auf Heimkehr»

21.3.2022 ref.ch/refbejuso

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Krieg in der Ukraine

Die reformierte Pfarrerin Petra Walker beherbergt bei sich im Pfarrhaus in Walkringen im Kanton Bern eine ukrainische Frau mit drei Kindern. Sie erzählt, wie das Zusammenleben funktioniert und was sich die Familie von der Zukunft wünscht.

«Der Kriegsausbruch im Februar hat mich fassungslos gemacht. Dass Putin mit seinen Truppen in die Ukraine einmarschiert, habe ich nicht erwartet. Es schmerzt mich, die Bilder von den flüchtenden Menschen und den zerstörten Städten zu sehen. Erst vor ein paar Jahren bin ich mit Freundinnen quer durch die Ukraine gereist. Die Schönheit des Landes und die Gastfreundschaft der Menschen haben mich umgehauen.

Seit wenigen Monaten bin ich Pfarrerin in einer kleinen Gemeinde im Emmental. Ich wohne allein in einem riesigen Pfarrhaus mit elf Zimmern. Für mich war sofort klar, dass ich diesen Platz für Flüchtende aus der Ukraine zur Verfügung stellen wollte. Ich bin in meinem Leben so oft auf offene Türen gestossen, da wollte ich etwas zurückgeben. Unmittelbar nach Kriegsausbruch habe ich mich bei der Organisation «Campax» angemeldet, die Unterkünfte für Flüchtlinge vermittelt, und wollte darüber jemanden aufnehmen. Aber es kam anders.

Bei uns im Dorf lebt eine polnische Familie, die von meinen Plänen wusste. Über eine Verwandte in Stettin in Polen ist die Familie auf einen Facebook-Post aufmerksam geworden, in dem eine ukrainische Mutter mit drei Kindern eine Unterkunft suchte. Das entsprach meinen Vorstellungen, weil ich aufgrund der Platzverhältnisse problemlos mehrere Personen beherbergen kann. Ich habe gleich eingewilligt, sie bei mir aufzunehmen.

Kurz darauf ist die Mutter mit ihren Kindern mit dem Nachtzug aus Budapest in die Schweiz eingereist. Sie sind völlig erschöpft bei mir angekommen. Gleichzeitig waren sie unglaublich froh, dass sie endlich duschen, etwas essen und schlafen konnten. Hinter ihnen lag eine 50-stündige Odyssee von ihrer Heimatstadt Kiew über Lemberg, Budapest bis in die Schweiz.

Im Pfarrhaus habe ich meinen Gästen drei eigene Zimmer und ein Bad zu Verfügung gestellt. Küche und Wohnzimmer teilen wir uns. Mittags und abends essen wir zusammen und können uns unterhalten. Die Frau und die zwei älteren Kinder sprechen Englisch, Sprachbarrieren gibt es nicht. Die polnische Familie im Dorf hilft mir beim Einkaufen, und wir waren zusammen auf einer Kleiderbörse. Ausser Wechselkleidern hatten sie nichts auf ihre Flucht mitnehmen können.

Ich spüre bei diesen Menschen eine grosse Dankbarkeit, hier zu sein. Gleichzeitig sorgen sie sich natürlich um ihren Mann und Vater, der in Kiew mitten im Kriegsgeschehen zurückbleiben musste. Momentan sind sie über das Mobiltelefon mit ihm in Kontakt, das funktioniert relativ gut. Fast täglich können die Kinder mit ihrem Vater telefonieren.

Die Frau ist tapfer, das bewundere ich. Ich merke aber auch, dass ihre Hoffnung, bald in die Heimat zurückzukehren, stark schwankt. Es gibt Tage, an denen sie am liebsten gleich zurückreisen will. An anderen fragt sie sich, wo die Kinder denn spielen sollen, wenn die Wiesen vermint sind. Es ist ein Auf und ab. In solchen Situationen verstehe ich mich als Seelsorgerin. Ich versuche zuzuhören und die Stimmungen aufzufangen.

Ein Thema in unseren Gesprächen ist auch die Arbeit. Die Frau ist sehr motiviert, möglichst bald einen Job zu finden. In ihrer Heimat war sie die Ernährerin der Familie gewesen, der Vater zog die Kinder gross. Aktuell ist es aber schwierig, denn die Kinder haben vormittags immer noch Online-Unterricht mit ihren ukrainischen Lehrpersonen. Das hat mich verblüfft: Trotz Krieg setzen die Lehrer den Unterricht fort, manche von ihnen aus dem Bunker, andere aus Polen und Deutschland.

In der Gemeinde erfahre ich viel Unterstützung. Zwei Familien machen Wocheneinkäufe für uns, andere spenden. Für diese Hilfe bin ich sehr dankbar. Auf die Dauer wäre es schwierig für mich, alles allein zu finanzieren, bis vor kurzem war ich ja noch Studentin. Natürlich frage ich mich, wie lange die Solidarität anhält. Der Krieg kann sich lange hinziehen. Auch weiss ich noch nicht, wann meine Gäste Unterstützung vom Bund erhalten. Momentan ist die Ungewissheit gross.»

Aufgezeichnet von Heimito Nollé.

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Die Kirchgemeinde hat für ein Spendenkonto eingerichtet, damit unbürokratisch und rasch das Nötigste angeschafft werden kann:

Raiffeisenbank Worblen Emmental, Biglen,
IBAN CH96 8080 8009 4973 5955 6

Wir bedanken uns für Ihre Unterstützung.
Pfarramt und Kirchgemeinderat

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PDF An manchen Tagen schwindet die Hoffnung auf Heimkehr

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Bild: Täglich treffen neue Schutzsuchende aus der Ukraine in der Schweiz ein, viele von ihnen kommen in privaten Haushalten unter. Im Bild: Warteschlange vor dem Bundesasylzentrum Zürich. (Keystone / Michael Buholzer)

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