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Monatstext Mai 2021

«Ein schriller Vogel»


«Alles neu macht der Mai, macht die Seele frisch und frei. Laßt das Haus, kommt hinaus! Windet einen Strauß! Rings erglänzet Sonnenschein, duftend prangen Flur und Hain: Vogelsang, Hörnerklang tönt den Wald entlang.»

Die erste Strophe dieses bekannten Liedes besingt den Mai, lädt ein zum Hören, Riechen und Schauen.

Wie klingt Ihr Mai?
Was hören Sie als erstes am frühen Morgen? Machen Sie Spaziergänge und hören Sie die Bienen summen in den blühenden Apfelbäumen? Und mit welchen Geräuschen endet Ihr Tag am Abend? Nun, ich muss sagen: jetzt wo ich wieder bei offenem Fenster schlafe, höre ich oft als erstes den Zug. Aber nicht störend, eher wie ein Hintergrundgeräusch, das mir seit langem so vertraut ist, dass es mich eher beruhigt als aufschreckt. Schliesslich wohnte ich jahrelang neben einem Bahngeleise, wo mehr Züge vorbeibrausten. Und bin ich schon mal halbwach, höre ich auch die feinen Klänge der Kirchenglocken nebenan. Sie klingen leicht und farbig und verspielt, nicht so schwer und dröhnend und mächtig wie jene, neben denen ich aufgewachsen bin.

Ein schriller Vogel
Was mir jetzt aber auffällt, das ist dieser Vogel! Der ist neu, sein Gezwitscher klingt schrill und verärgert. Jetzt bin ich hellwach. Bald beginnt ein zweiter, dessen Lied gefällt mir besser. Melodie und Klang ist harmonisch, und ich denke, ach wie schön, sind sie wieder da, Amsel, Drossel, Fink und Star, unsere kleinen gefiederten Freunde. Vogelgesang wird von Menschen meist als wohltönend und angenehm empfunden. Sie gelten als Boten des Frühlings und erfreuen unser Herz. Daran ändert sich auch nichts, wenn wir erfahren, dass Vögel offenbar mit ihrem Gesang ziemlich machomässig ihr Revier markieren: «Hej! Hier bin ich, hier bin ich, ich, ich! – bleib mir vom Hals, Konkurrent!» Vögel singen bekanntlich zum Anlocken von Partnerinnen und zur Markierung ihres Reviers. Weibchen erhalten dadurch Hinweise auf Leistungsfähigkeit und Gesundheitszustand eines Bewerbers.
   Ob Klänge als angenehme Musik oder als schrille aufschreckende Geräusche empfunden werden, hängt stark mit unseren eigenen Erlebnissen zusammen. Als ich in meiner ersten Woche im Pfarrhaus am Freitag um 9 Uhr die Glocken läuten hörte, rief ich erschrocken bei der Sigristin an und fragte, ob jemand gestorben sei? In meiner letzten Gemeinde läuteten die Glocken an dem Tag, an dem jemand aus der Gemeinde gestorben war. Nein, hiess es, das sei das «Kindbettigeläute ». Was für ein schöner Brauch, für Frauen zu läuten, die ein Kind geboren hatten! Seit ich das weiss, denke ich jeden Freitag an schwangere Frauen oder frischgebackene Mütter mit ihren Kindern und freue mich über das neue Leben, und hoffe, dass es ihnen gut geht.

Das Lied lädt uns in seiner zweiten Strophe zum Maibummel ein:
«Wir durchziehen Saaten grün, Haine, die ergötzend blüh›n, Waldespracht, neu gemacht nach des Winters Nacht. Dort im Schatten an dem Quell rieselnd munter silberhell Klein und Groß ruht im Moos, wie im weichen Schoß.»
Hermann Adam von Kamp (1796 – 1867)

Ich wünsche Ihnen dort, wo Sie gerade sind, dass sich schrille Klänge in wohltuende Musik verwandeln und dass Sie die Düfte von Flur und Erde geniessen
können, frisch, fröhlich und frei.

Susanna Meyer, Pfarrerin

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