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Monatstext September 2022, Pfarrerin Petra Walker

Monatstext September 2022, Pfarrerin Petra Walker

Leben ohne Schatten ...

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Leben ohne Schatten ist Leben ohne Sonne.


Wer nie im Dunklen sass,
beachtet kaum das Licht.

Leben ohne Tränen ist Leben ohne Lachen.


Wer nie verzweifelt war,
bemerkt das Glück oft nicht.


Leben ohne Täler ist Leben ohne Berge.

Wer nie ganz unten war,
schaut gleichgültig ins Tal.

Leben ohne Zweifel ist Leben ohne Glauben.

Wer niemals sucht und fragt,
dessen Antworten sind schal.

Leben ohne Mangel ist Leben ohne Fülle.

Wer immer alles hat, für den hat
nichts mehr Wert.

Leben ohne Bangen ist Leben ohne Feiern.

Wer nicht mehr warten kann,
hat nichts mehr, was er ehrt.


Jürgen Werth


Durch eine Kollegin bin ich vor Kurzem auf dieses Gedicht von Jürgen Werth gestossen. Beim ersten Lesen fand ich es wunderbar und einleuchtend. Beim zweiten Lesen haben sich mir dann aber Fragen gestellt: braucht es wirklich das Erlebnis von Schatten, um zu merken, dass es die Sonne gibt? Muss, wer das Licht sehen will, wirklich vorher im Dunklen sitzen? Und kann nur jemand, der Verzweiflung erlebt hat, Glück wahrnehmen?
    Auch wenn mir das Gedicht immer noch gefällt, finde ich, dass man aufpassen muss, dass die Schattenseiten in unseren Leben, die es immer wieder gibt, weder gut- noch schöngeredet werden. Es könnte sonst gefährlich werden, plötzlich zynisch zu werden.
    Mir ist schon bewusst, dass ein Leben von Sonne und Schatten, von Dunkelheit und Licht und von Tränen und Lachen, die oft ganz nah beieinander liegen, gezeichnet und geprägt wird. Wenn es nur die eine Seite im Leben gäbe, dann gäbe es die andere nicht, sondern es würde bei der einzigen bleiben. Wäre das Leben dann ärmer? Ich kann diese Frage nicht mit Überzeugung entweder mit Ja oder Nein beantworten. Schon gar nicht für die Allgemeinheit. Die Einen kommen durch Rückschläge weiter und können sie gut verarbeiten. Die Anderen zerbrechen daran und haben ein Leben lang Mühe, ein normales Leben zu führen. Ich denke, dass diese Frage jedeR für sich selber im Herzen bewegen muss, um sich dann eine (vorläufig) schlüssige Antwort zu geben. Oder mit den Worten von Werth: Wer niemals sucht und fragt, dessen Antworten sind schal. Bei allem Suchen und Fragen wohnt niemand ausschliesslich auf der Sonnenseite. Weder auf der Sonnenseite des Lebens noch auf der Sonnenseite des Glaubens. Glaube und Zweifel sind für mich Brüder. Und ihre Eltern sind die Ehrfurcht und die Hoffnung. Irgendwo in diesen vier bin ich eingebettet. An einigen Tagen näher beim Zweifel und bei der Ehrfurcht und an anderen Tagen näher beim Glauben und bei der Hoffnung. Wo und wie sind Sie eingebette?

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Petra Walker, Pfarrerin

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Bild: Rainer Sturm / PIXELIO


 

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