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Monatstext Mai 2022, Pfarrerin Isabelle Knobel

Monatstext Mai 2022, Pfarrerin Isabelle Knobel

Zwischen Solidarität und Feindbildern

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Wer momentan an einem schönen Tag beim Pfarrhaus vorbei geht, der beobachtet vielleicht, wie sich Kinder mit süssen Hundewelpen vergnügen. Ein fröhliches Bild zwar, das aber eine traurige Realität widerspiegelt. Eine Realität, die Ende Februar wie eine Bombe auch bei uns einschlug: In Europa herrscht Krieg und die Folgen davon sind in Walkringen und der ganzen Schweiz spürbar.
Ich erlebe, dass es vielen schlecht geht; die täglichen Bilder des Elends und der Zerstörung, sie setzen uns zu. Zuerst die Coronapandemie, jetzt der Ukraine-Krieg und damit verbunden die Angst vor einem möglichen Atomkrieg – Krisen lösen in uns Menschen viele verschiedene Gefühle aus: Ohnmacht, Wut, Mitleid, Trauer, Angst. Und so verschieden wie die Gefühle sein können, die kommen und gehen, so unterschiedlich können auch unsere Reaktionen darauf sein. Eine überwältigend starke und schöne Reaktion, die sofort und international eintrat, ist die Solidarität. Ein gutes Beispiel dafür, dass Krisen nicht nur zeigen, wie böse der Mensch sein kann, sondern auch, wie viel Gutes in uns steckt. Die Grosszügigkeit und Hilfsbereitschaft überall sind riesig. Viele spenden, nehmen Flüchtende bei sich auf, engagieren sich freiwillig oder demonstrieren gegen den Krieg. Es ist eine Art, mit der Ohnmacht umzugehen und eine ganz wichtige, die es dringend braucht. Petra hat bei sich im Pfarrhaus eine fünfköpfige Ukrainische Familie aufgenommen, inklusive Mutterhündin und Welpen: Da geht was und es gibt viel zu tun; ich bewundere Petra und es tut gut zu sehen, wie viele bereit sind, sie zu unterstützen.
Eine weitere Reaktion auf die auftauchenden, starken Gefühle können aber auch Feindbilder sein. Die Wut auf Putin und diejenigen, die ihn unterstützen, kann dabei zum Hass auf ein ganzes Volk werden. Feindbild Russe – vielen, die älteren Jahrgangs sind als ich, mag dies unangenehm bekannt vorkommen. Auch in der Schweiz erleben hier wohnhafte Russinnen und Russen starke Anfeindungen, obwohl viele von ihnen selbst gegen den Krieg sind. Und vergessen wir nicht: Auch in Russland protestieren viele gegen den Krieg, trotz dem grossen Risiko, dass sie damit eingehen. Viele Tausende wurden bereits verhaftet, viele protestieren dennoch und auch auf kreative Weise: So schreiben sie etwa Botschaften auf Geldnoten, kleiden sich schwarz oder richten Mahnmale ein.
Feindbilder verstärken das Elend unnötig, deshalb lohnt es sich, trotz starker Gefühle differenziert zu bleiben. So können wir uns gemeinsam, ob Ukrainerin, Schweizer oder Russin, in Solidarität zusammenschliessen und uns für eine friedliche Welt einsetzen: «Gott gebe euch viel Barmherzigkeit und Frieden und Liebe!» (Judas 1,2).
Isabelle Knobel, Pfarrerin

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