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Monatstext Oktober 2021 von Pfarrer Lorenz Hänni

Monatstext Oktober 2021 von Pfarrer Lorenz Hänni

Waren die Walkringer der Zeit voraus?

Nach der Abstimmung zu «Ehe für alle» kann ich darüber schreiben und werde nicht des Politisierens verdächtigt:
  Wer über dem Kircheneingang von Walkringen hochschaut, kann das unscheinbare Marmorköpfchen eines Jünglings unter der First entdecken. Es schaut verträumt über das Moos und ist Ganymed, der Lustknabe des Zeus. Der Göttervater hat den Hirtenknaben vom Felde auf den Olymp entführt, dass er ihm dort ewig als Mundschenk diene. Die makellose Gestalt des Jünglings hat im Altertum die Fantasien befl ügelt, zierte Vasen, Statuen römischer Villen und inspirierte zur Zeit des Sturm und Drangs Dichter wie Goethe zu erotischen Gedichten: «Ach, an deinem Busen lieg’ ich und schmachte. …»
  Aber wie kommt es, dass seit Jahrhunderten dieser zarte Hauch von Männerliebe ohne sittlichen Anstoss an unserer Kirche gegen Westen schaut? Waren die Walkringer der Zeit von LGBTQ und «Ehe für alle» längst voraus?
  Wer gegen Westen denkt, kann seine Fantasie ruhig ausschweifen lassen. Im Mittelalter wusste man: Von dort kommt nichts Gutes. Der Westen war die Seite des Abends, der Dunkelheit, auch der Sünde und des Todes. So hatten Kirchen dieser Zeit westwärts nicht selten den Charakter einer Festung oder wurden mit unheimlichen Drachengestalten geschmückt, die den dunklen Mächten den Garaus machten. Aber kann man mit der Darstellung eines griechischen Lustknaben Sünde wehren?
  Oder könnte dieses Köpfchen ein Statement gegen frömmlerische Enge in Sachen Liebe sein? Keine Abwehr, sondern Einladung: «Tretet in unsere Kirche, die ihr von Ausgrenzung müh selig und mit Vorurteilen beladen seid.» Könnte Ganymed Weite und Liebe verkörpern, die uns ostwärts eintretend in Richtung Sonnenaufgang und Auferstehung erwartet?
  Die Archäologen haben diese einzigartige Figur lange erforscht, sie als Ganymed identifi ziert, sich aber einer Interpretation enthalten. Bekannt ist nur: Sie könnte im 1. Jahrhundert aus Italien importiert worden sein, um in Worb die Villa eines römischen Freiherrn zu zieren. Der kunstvoll bearbeitete Marmor lässt das Lebensideal des wohlhabenden Besitzers erahnen. Unter welchen Umständen aber und mit welcher Absicht der Baumeister zur Zeit der Reformation den Ganymed in der Westwand der neuerbauten Kirche (1515) eingesetzt hat, bleibt unbeantwortet und unserer Fantasie überlassen.
  Solche Kenntnislücken finde ich bedeutungsvoll. Wir kommen nicht darum herum, uns in ethischen Fragen zu entscheiden – so auch am letzten Abstimmungswochenende: Ob wir uns gegen Westen wehren oder gegen Osten vertrauensvoll öffnen? Die Kirche von Walkringen ist in dieser Spannung gebaut. Sie lässt uns aber nur eine Wahl, wenn wir sie betreten – nämlich ostwärts dem Sonnenaufgang entgegen.

Lorenz Hänni, Pfarrer
Mobile 079 362 73 70

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