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Monatstext Juni 2021

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Füsse baumeln lassen

Es naht der Sommer, und mit ihm naht für mich der erste Gump in die Aare. Am liebsten in Bern, Marzili, anfangs nur zaghaft, kurze Abschnitte, mit der Zeit werden sie länger: Eichholz, Muri, oder sogar Kiesen. Je heisser die Temperaturen, umso höher geht die Uferwanderung mit dem wasserdichten Sack. Dort werden Kleider und Sandalen und Badetuch verstaut, natürlich auch Portemonnaie und vielleicht ein Picknick. Wie praktisch. Gleichzeitig dient der Sack als Schwimmkörper und gibt Sicherheit. Mir gibt das ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer, im Miniformat. Es braucht nur wenig Zeit, aber danach sieht die Welt anders aus. Die schöne blaugrüne Aare! …mit vielen Ausstiegsvarianten in Bern… Marzili, oder Lorraine. Im Kanu kann man von dort auch weiter paddeln bis Wohlen, über den See und an Lyss vorbei auf dem alten Aarelauf bis Büren, und weiter nach Solothurn. Was für ein traumhaft schöner Fluss, und das in nächster Nähe! Für mich war die Aare einer der Gründe, dass ich hier in meiner Wahlheimat im Kanton Bern hängengeblieben bin.
Manche Freundschaft wurde schon gestärkt, Krisengespräche geführt, Lösungen für Probleme gefunden …auf dem Weg «der Aare nach». Das flies-sende Wasser animiert, lenkt ab und ist nie dasselbe, es kommt ja immer neues Wasser.


Risse in Freundschaften
Im vergangenen Jahr haben sich manche meiner Freundschaften verändert. Gemeinsame Unternehmungen waren eingeschränkt auf Spaziergänge in der Natur. Dadurch rückten einige Freundschaften in die Ferne, andere vertieften sich. Der Entscheid, jemanden nach Hause einzuladen, bedeutete auch: du gehörst zum engsten Umfeld! Umgekehrt merkte ich, dass ich von vermeintlich nahestehenden Freundinnen von ihrem Zuhause fernge-halten wurde. Mit einem Ehepaar verlor sich der Kontakt, weil sie mich – nicht ganz überraschend – davon zu überzeugen versuchten, dass die Welt von einer weltweit verschworenen Elite manipuliert werde. Sie sahen über-all Zeichen und Hinweise. Ich merkte, sie waren fremd geworden. Und weil die Möglichkeit, sich in lockerem Rahmen unverbindlich zu treffen, wegfiel, haben wir uns aus den Augen verloren.


Neues Wasser fliessen lassen
Ich bin zuversichtlich, dass wir mit den medizinischen Aspekten dieser Pandemie einen Umgang finden werden. Was mir mehr Sorgen bereitet, das sind die Risse in der Gesellschaft, die sich vertiefen könnten, wenn wir uns nur noch mit engsten Freundinnen und Freunden treffen. Die rare Zeit wollen wir uns ja nicht von Konflikten verderben lassen! Und so kann es schleichend geschehen, dass wir uns mehr und mehr entfremden, und nur noch mit Gleichgesinnten reden. Schade! Lasst uns Gegensteuer geben und auch in Freundschaften immer wieder neues Wasser fliessen lassen. Und das alte Wasser den Fluss hinunter gehen lassen.
Wir sind ja nicht der Quell der Wahrheit, alle sind wir immer Empfangende.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, einen schönen Sommer, an immer wieder neu erfrischenden Wasserquellen.

Susanna Meyer, Pfarrerin

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