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Monatstext Juli 2021

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Ein Herz auf Wanderschaft?

«Freu dich, mein Herz, heute darfst du wieder mal in den Ausgang … ».

Was auf deutsch ziemlich schräg klingt, ist in der spanischen Sprache ganz normal: mi corazon – mein Herz, schön dich zu sehen! Ich mag die blumige, für schweizerische Ohren manchmal etwas gar pathetische Ausdrucksweise, mit einem gewissen Hang zum Übertreiben. Aber das nimmt niemand übel, und – Hand aufs Herz – man nimmt es auch nicht ganz so ernst. Obwohl ich nicht schlecht Spanisch sprach, brauchte ich damals als junge Studentin in Zentralamerika mehrere Monate, um mich in diesem fremden Sprachraum einigermassen zurechtzufinden. Verstehen heisst ja nicht nur, die Bedeutung der Worte erkennen, sondern wirklich verstehen enthält auch eine Deutung der Gefühle und ein Erkennen der Absichten des Gegenübers.

Ich habe im spanischen Sprachraum gelernt, dass Sprache auch ein Spiel ist, und zwischenmenschliche Spannungen verschwinden, indem eine wohlwollende Stimmung erzeugt wird. Dabei werden Probleme zwar nicht alle gelöst, aber das Feld wird gelockert, sodass alles leichter wird. Indem man über Belangloses redet, absichtslos, ohne besondere Erwartungen, wird das Bedürfnis nach Zuwendung genährt.

«Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben; schau an der  schönen Gärten Zier und siehe wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben, sich ausgeschmücket haben.

Die Lerche schwingt sich in die Luft, das Täublein fliegt aus seiner Kluft und macht sich in die Wälder; die hochbegabte Nachtigall ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder, Berg, Hügel, Tal und Felder.

Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben; verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben, und Pflanze möge bleiben.»    Lied 537, 1.3.14


Dieses Lied von Paul Gerhardt aus dem Jahr 1653 schafft ebenfalls eine zutiefst wohltuende Stimmung. Auch die deutsche Sprache kann romantisch klingen, die lieblichen Worte schildern ein positives Grundgefühl, genährt von der Freude über alles, was da um uns herum wächst und gedeiht. Als Bild für das Innenleben lädt es ein, uns mit Gutem so zu sättigen, dass zwischenmenschliches Gift abprallt. Es kann sich nicht entfalten, weil wir gesättigt sind wie eine Blumenwiese nach einem warmen Regen. Und so können wir dem schöpferischen Geist Gottes Raum schaffen, und werden erfüllt von Lebenskraft, wie ein Baum, der seine Wurzeln tief in den Boden treibt. Auch wenn die Stürme des Lebens an uns rütteln und wir Schicksalsschläge erleiden, erhalten wir immer wieder neue Kraft. « … wie ein Baum, der am Bach gepflanzt ist und der seine Wurzeln zum Bach streckt.» (nach Jeremia 17,8). Und auch wenn die Dürre kommt, hört er nicht auf, Früchte zu tragen.

Ich wünsche Ihnen einen freudvollen und genussreichen Somme!
Susanna Meyer, Pfarrerin

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