Monatsspruch November 2018:

«Und ich sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihrenMann.»  

(Offb 21,2)

 

 


 

Monatstext für November 2018 von Pfarrer Peter Raich

«Ars moriendi» – ins Leben hinein sterben

Eine junge, attraktive, dynamische Frau macht während ihrer Ausbildung zur Lehrerin ein Praktikum an der Schweizer Schule in Accra, Ghana. Anschliessend kann sie noch mit dem Roten Kreuz einen Einsatz im Norden des Landes begleiten. Dabei infiziert sie sich mit einer lebensgefährlichen Krankheit. Kein Spital, noch nicht einmal westliche Ärzte können ihr helfen. Ein junger Afrikaner, den sie kennengelernt hatte, bewirkt, dass sie in letzter Sekunde mit der Rega in die Schweiz geflogen wird. Doch auch hier können ihr die Spitäler in St. Gallen und Zürich nicht mehr helfen: Zu spät! Die Eltern, Verwandten und Freunde verabschieden sich von ihr.

Nahtoderlebnis

In der Nacht darauf schaut sie dem Tod in die Augen. Sie beschreibt es als ein unvorstellbar helles Licht, aus dem Gott zu ihr spricht: «Willst Du zu mir ins Paradies kommen, oder willst Du auf der Erde noch etwas Wichtiges erledigen?» Sie hat Zeit zu überlegen und weiss es doch sogleich zutiefst in ihrem Herzen. «Ich will mein Leben einsetzen für die Strassenkinder in Ghana.» Als sie die nächsten Tage überlebt und sich ihr Zustand von Woche zu Woche sichtbar verändert, sprechen die Ärzte von einem Wunder. Nach einem Jahr kann sie ihr Studium beenden und gründet 1999 gemeinsam mit dem jungen Afrikaner Amon Kotey, der ihr das Leben gerettet hat, das Strassenkinderprojekt «Chance for children». Dies ist die Geschichte von Daniela Rüdisüli, die wir auch von unserer Kirchgemeinde aus in ihrem Einsatz für die Strassenkinder in Accra unterstützen. Ihr Nahtoderlebnis hat ihr ganzes Leben verändert, auf den Kopf gestellt.

Der Tod gibt dem Leben Qualität

Inzwischen durfte ich einige Menschen kennenlernen, die auf ähnliche Weise dem Tod und damit auch Gott begegnen durften. Sie bestätigen meine Bilder und Hoffnungen vom Tod und vom neuen Leben danach. Sie leben mit einer freudigen Zuversicht mit dem Blick auf den Tod. Menschen, die ein Nahtoderlebnis hatten, wissen, was auf uns alle wartet. Sie haben keine Angst vor dem Tod. Ich glaube, diese Menschen leben viel bewusster und intensiver. Sie spüren, was es für ein Geheimnis ist zu leben. Sie erfahren jeden Tag als Geschenk. So bekommt ihr Leben eine andere Qualität. Den Tod nicht zu ignorieren, sondern ihn in unser Leben zu integrieren, könnte uns allen eine neue Lebensqualität schenken, eine neue Wachsamkeit und Achtsamkeit des Herzens.

Lebensregeln als Vorbereitung des Sterbens

Wenn ich Menschen auf «ihrem letzten Weg» begleiten darf, erlebe ich grosse Unterschiede. Die Menschen, die sich auch schon quer durch ihr Leben den Tod vor Augen halten konnten, können leichter loslassen und gehen. Sie haben keine Angst vor dem Sterben, sondern erleben es als ein Ankommen im eigentlichen Ziel des Lebens. Die Einübung ins Sterben ist wohl die entscheidendste geistliche Aufgabe – nicht nur des Alters!

Aber wie geht das? Der evangelische Pfarrer Jörg Zink hat einige Lebensregeln genannt, die zugleich auch Vorbereitung aufs Sterben sein können:

– Mit der Zeit umgehen lernen, Tage, Stunden und Augenblicke auszuschöpfen.

– Jedem Tag sein eigenes Recht geben, dem Spiel, dem Gespräch, den Plänen, dem Werk, der Fröhlichkeit, dem Nachdenken und dem Schlaf seine eigene Schönheit und Schwere lassen

– Nach Möglichkeit nichts tun, dessen Wiederholung man/frau nicht wünschen kann.

– Allabendlich jeden Streit beenden und nichts Ungeordnetes durch die Tage und Wochen schleppen.

– Anderen ihre Schuld vergeben und Vergebung für die eigene Schuld erbitten.

– Jede hohe Meinung über sich selbst abbauen.

– Dinge, Geld und Einfluss immer gelassener weggeben. Jedem Tag, jede Woche, jedes Jahr im Rückblick prüfen. Von einem Rückblick zum anderen mit weniger Wehmut, mit mehr Genauigkeit und mehr Dankbarkeit zurücksehen.

Der Ewigkeitssonntag ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Am Ewigkeitssonntag denken wir an unsere Verstorbenen, die wir in den letzten 12 Monaten verabschieden mussten. Aber es ist auch ein Sonntag für uns alle, für die Frage, wie wir den Tod und damit unweigerlich auch auf unser Leben sehen. Dafür lohnt es, sich Zeit zu nehmen. Eingeladen zum Mitdenken und Feiern sind alle.

Peter Raich, Pfarrer



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